Der Fluch der guten Note

Wie in jedem Jahr sind die Abiturzeugnisse verteilt, wie in jedem Jahr sind die Bewerbungen um Studienplätze abgeschickt und wie in jedem Jahr werden etliche Abiturienten im falschen Studienfach landen. Warum das so ist? Nach einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung fällt ein Großteil der Abiturienten die Studienentscheidung in der kurzen Zeit zwischen dem Schulende und dem Bewerbungsstichtag 15. Juli. Viele werden da zu Schnäppchenjägern.

Es wird nicht mehr gefragt, was interessiert mich eigentlich, sondern, was kann ich mit meinen Notendurchschnitt bekommen? Florian und Mareike hatten ein Abi mit der Traumnote 1,0 und damit die luxuriöse Situation, sich ihr Studienfach und die Universität ganz frei aussuchen zu können. Was passiert? Beide landen im Medizinstudium und haben nun das erste Studienjahr hinter sich. Erfolgreich, versteht sich. Jetzt sitzen sie allerdings bei mir, jeder für sich, und erzählen von ihrem Unbehagen mit dem Studienfach.

Florian war auf einem naturwissenschaftlichen Gymnasium, hatte Physik als Leistungskurs und gerät ins Schwärmen, wenn er davon erzählt. Eigentlich wollte er auch immer Physik studieren, doch das Fach habe keinen NC, da habe er sein supergutes Abi ja quasi umsonst gemacht. Jetzt fehlt ihm die Physik, auch wenn die naturwissenschaftlichen Anteile im Medizinstudium ihm Spaß machen. Aber die Kurse für die medizinischen Fachbegriffe sind ihm ein Horror. Mareike schafft alle Prüfungen gut, hat aber keine Freude am Studium. Sie war auf einer Schule für Hochbegabte, lernte sogar Chinesisch. Da hätten ihre Eltern schon etwas Besonderes von ihr erwartet. Doch nach einigem Herumdrucksen kommt heraus, dass Sie am liebsten Latein studieren würde. Aber dafür – Sie ahnen es – hätte man ja keine guten Noten gebraucht.

Aus der DDR ist überliefert, dass sich Leute auch für Bananen anstellten, wenn sie gar keine Bananen mochten. Der Mensch möchte eben alles gern haben, was knapp ist und was nicht alle anderen bekommen können. Florian und Mareike haben früh genug gemerkt, dass ihnen ihre Bananen nicht schmecken und beide werden nun nach dem kleinen Umweg über das falsche Studienfach im richtigen landen. Es steht nirgendwo geschrieben, dass gute Noten hinderlich beim Studium des Traumfachs sind.