Wie alt ist man mit 22?

„Ganz alt“, sagt meine 6-jährige Nichte Martha. „Ganz alt,“ sagt Laura, eine Bachelor-Studentin im 6. Semester und voller Panik, dass sie noch kein Examen hat. „Zu alt“, findet sich Paul, der nach Auslandsjahr und Zivildienst immer noch keinen Studienplatz für Medizin hat, und inzwischen zweifelt, ob ihm die Zeit bleibt, drei weitere Jahre darauf zu warten.

Ein Blick in die Zeitung gibt den Dreien Recht. Überall steht zu lesen, dass die Wirtschaft nach jungen, dynamischen Mitarbeitern sucht. Dazu wird die Gymnasialzeit verkürzt, ein dreijähriges Studium eingeführt und allerorten bricht die große Hektik aus.

Paradoxerweise ist die Lebenserwartung heute 22-Jähriger höher denn je. 60, wenn nicht 70 Jahre haben sie noch vor sich. Sollte man da nicht etwas großzügiger mit der Zeit sein? Zumal die Elterngeneration der heutigen Studenten in ihrem Studium die Entdeckung der Langsamkeit feiern konnte. Damals war es keine Seltenheit, dass man nach 22 Semestern darüber nachzudenken begann, sich eventuell an die Examensarbeit zu setzen.

Das war das andere Extrem und schon damals eigentlich kein Vorbild. Studenten heute können es nicht mehr hören, wie paradiesisch die Studienzeit ihrer Eltern und Lehrer gewesen sei. Es kann aber nicht schaden, daran zu arbeiten, dass das eigene Studium Freiräume schafft. Man kann sich nur selbst den Zeitdruck nehmen und sich dann das gönnen, was früher viel schwieriger war: Ein Auslandssemester oder ein Praxissemester oder beides. Natürlich verlängert sich das Studium dadurch, manchmal sogar ein Jahr, obwohl man nur für sechs Monate weggeht, sich aber die Vorlesungszeiten ungünstig überschneiden. Dann füllt man eben die übrig gebliebene Zeit sinnvoll auf. Es ist nur wichtig, das früh genug zu planen.

Wer noch auf einen Studienplatz wartet, muss natürlich überlegen, ob es für ihn zu diesem Studiengang eine Alternative gibt, die schließlich auch in den Wunschberuf führt. Für sehr viele Fächer gibt es die, wenn man weiß, was man später einmal machen will. Für Paul gibt es keine Alternative zum Medizinstudium, das hat er für sich herausgefunden. Also muss er weiter warten. Er könnte die Zeit nutzen und inzwischen eine Ausbildung machen. Und wenn er dann mit Anfang 30 das Examen hat, bleiben ihm immer noch knapp 40 Jahre, ein glücklicher Arzt zu sein.

Wie alt ist man also mit 22?

„Zu jung“, sagt mir der Inhaber einer Werbeagentur, der eine Assistentin sucht. Die brauche schon ein wenig Lebenserfahrung, sie müsse schließlich auch allein zum Kunden gehen können und ein entsprechendes Auftreten haben. Und stellt eine 25-Jährige ein.